Buchtipp: Eine Soziologie der Weltbeziehung

Barbara hat wieder gelesen und dabei ein Buch entdeckt, das sie begeistert hat, weil es viele Gedanken unserer Arbeit im Facilitating aufgreift: Die Soziologie der Weltbeziehung von Harmut Rosa, erschienen bei Suhrkamp. Warum das so ist, beschreibt sie hier.

Ob ich die Lektüre wirklich empfehlen kann, weiß ich gar nicht, denn „Resonanz“ ist ein ziemlich dicker, sehr wissenschaftlich geschriebener Schinken. Aber ich bin froh, dass es geschrieben wurde, denn es weist viele spannende Parallelen zu unserer Arbeit auf.

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und hat sich als Kritiker unserer Beschleunigungs- und Wachstumsgesellschaft mit zahlreichen Publikationen einen Namen gemacht. Mit diesem Buch möchte er einen konstruktiven Beitrag leisten und Mut machen. Genauer gesagt möchte er durch die „Radikalisierung der Beziehungsidee“ (Resonanz) zu einem neuen Maßstab für ein gelingendes Leben beitragen - gegen die Steigerungsorientierung, den Beschleunigungszwang und das drohende Verstummen in der Moderne, wie es sich z.B. in Politikverdrossenheit zeigt. 

Für uns besonders interessant sind die Aspekte von Resonanz und Entfremdung – ähnlich wie bei Otto Scharmer das Presencing und Absencing. Resonanz als radikale Beziehungsidee, als wechselseitige Bezogenheit zwischen Subjekt (Mensch) und Welt. „Menschen stehen der Welt nicht gegenüber, sondern befinden sich immer schon in einer Welt, mit der sie verknüpft und verwoben sind. Durch dieses In-Beziehung-Treten gewinnen beide erst ihre Gestalt.“ (Seite 62f) „Die Dinge sprechen uns an oder sagen uns zu – oder sie stoßen uns ab; wenn uns etwas nichts sagt, so impliziert dies, dass wir keine Beziehung dazu haben.“ (S. 187) Das sind wichtige Aspekte, mit denen wir uns in Change Prozessen immer wieder auseinander setzen.

Hartmut Rosa rüttelt an unseren gängigen Landkarten – egal, ob es um unseren Körper geht, um unser Essverhalten, unsere medizinischen Konzepte, unsere modernen Alltagspraktiken bis hin zu unseren kulturellen Weltbildern. Wer dazu mehr wissen will, sollte das Buch dann am besten doch selber lesen. 

Resonanz ist ein Grundbedürfnis

Was mich am meisten berührt hat, ist die von ihm beschriebene Grunddynamik des Lebens zwischen Angst und Begehren. Und der Verweis auf unsere Tendenz, in schwierigen Momenten eher in die Abwehr zu gehen und uns durch „schließen und dämpfen“ zu schützen – Rosa nennt das „in eine stumme Weltbeziehung gehen“ und sich damit aus der Resonanz, eben aus der Beziehung ziehen. Demnach geben wir unserem Begehren nach Resonanz nicht nach, obwohl es ein menschliches Grundbedürfnis ist, so wie das Bedürfnis nach Nahrung und Anerkennung.

Bei Scharmer wird das in den „Voices“ beschrieben: Wir gehen in die Bewertung, meist in die Abwertung, in den Zynismus oder in die Angst. Wir verlieren unsere Schwingungsfähigkeit mit den Resonanzräumen, stattdessen werden wir starr. Wenn wir uns stattdessen aber berühren lassen, haben wir die Chance, dass wir verändert aus der Begegnung hervorgehen. Das beschreibt mit anderen Worten sehr explizit, was wir im U-Modell in den Phasen Open Heart und Open Mind bewirken wollen. Und es passt so gut zu unserem Lieblingssatz: Was ist, darf sein, was sein darf, verändert sich.

Und als Abschluss noch ein Zitat: „Vielleicht kann man nicht nur das Gelingen oder Misslingen eines individuellen Lebens, sondern auch die Qualität eines Gemeinwesens daran bemessen, wie und wie oft in ihm gelacht und geweint wird.“ (S. 137) Wir werden das zum Motto unserer nächsten Ausbildungen machen!